Ich hatte als Schülerin ganz viel Glück, denn ich durfte Erfahrungen machen, die viele Schüler* heute gar nicht mehr erleben. Ich durfte nämlich sehen, dass Lehrer bloß Menschen sind. Und als solche haben sie gute und schlechte Tage. Viele Lehrer zeigen heute gar nicht mehr, wenn es ihnen schlecht geht, sondern überspielen das einfach oder bleiben zu Hause. Bei mir war das nicht so und ich glaube, das hat mir damals sehr geholfen, Lehrer zu verstehen. Denn das wollte ich von ihnen doch auch. Dass sie verstanden, wenn es mir mal nicht gut ging, wenn ich krank oder traurig war und vielleicht nur deswegen im Unterricht mal unkonzentriert war.
Als ich in der 2. Klasse war, ging es dem Ehemann meiner Lehrerin gar nicht gut. Er lag im Krankenhaus und es war nicht sicher, ob er überleben würde. Meine Mutter wusste das und hat mir das morgens mit den Worten gesagt: „Heute müsst ihr besonders lieb sein, denn Frau L. geht es nicht gut.“ Und auch meine Lehrerin hat das gleich zu Beginn der 1. Stunde gesagt. „Ich bin heute ziemlich müde und traurig, weil es meinem Mann nicht gut geht. Der liegt im Krankenhaus und ich war die ganze Nacht bei ihm.“ Und wir kleinen Grundschüler haben das verstanden und waren lieb. So einfach war das. Jetzt mal ehrlich. Wie oft hast du sowas schon mal von einem Lehrer gehört? Heute passiert das nicht mehr so oft, denn die Schüler könnten es ja im Internet mit der ganzen Welt teilen, obwohl das nun wirklich ziemlich privat ist. Außerdem darf man in unserer Gesellschaft und besonders bei Schülern keinerlei Schwächen zeigen. Sie würden sofort darauf herumreiten. Das hat sich leider in den letzten Jahren so entwickelt und ich persönlich finde das ziemlich bedenklich. Denn umgekehrt möchte ich doch auch, dass ein Lehrer mal Rücksicht auf mich nimmt. So wie dieselbe Lehrerin mich einfach mal getröstet hat, als ich mitten in der Musikstunde anfing zu weinen, weil mein Opa am Tag davor gestorben war. Das war für mich viel besser, als einfach übergangen zu werden.
Lehrer sind keine Superhelden oder Bösewichte
Lehrer sind einfach bloß Menschen. Nicht mehr und nicht weniger. Ihre Aufgabe ist es, zu bilden und zu erziehen. Und zwar fremde Kinder, die zu Hause alle ganz unterschiedlich erzogen werden. Der eine muss um acht Uhr ins Bett, der andere erst um zehn. Der eine ist in der ersten Stunde putzmunter, der andere hundemüde. In Familie A spielen gute Leistungen in der Schule eine sehr große Rolle, in Familie B sieht sich gar niemand das Zeugnis an. Und mittendrin ist der Lehrer. Ein ganz normaler Mensch, der auch mal einen schlechten Tag haben darf. Und es ist so hilfreich, wenn er das einfach sagt.
So wie mein Mathelehrer damals, als er völlig heiser in die Klasse kam. Es wurde immer stiller in der Klasse, weil er einfach nicht grüßte und wir darauf gewartet haben, damit wir im Chor zurückgrüßen konnten. Stattdessen hat er sich zu einem Schüler in der ersten Reihe runtergebeugt und etwas gesagt, was keiner sonst gehört hat. Und dieser Schüler meinte dann laut zu allen: „Herr S. hat ganz starke Halsschmerzen und kann deswegen nicht reden. Er schreibt uns aber Aufgaben an die Tafel, die wir lösen sollen.“ Und jetzt überleg mal. Ein Lehrer, der nicht sprechen kann, ist eigentlich völlig arbeitsunfähig. Und trotzdem kam dieser Lehrer zur Schule. Und irgendwie hat er es geschafft, dass wir alle (Teenager übrigens) brav unsere Aufgaben gelöst haben und nach und nach jeder eine Lösung an die Tafel geschrieben hat, sodass wir alle etwas gelernt haben, ganz ohne dass unser Lehrer normalen Unterricht gemacht hätte. Ein ganz normaler Mensch, dem seine Schüler wichtig waren, dem es aber an diesem Tag nicht gut ging.
*Damit man diesen Artikel besser lesen kann, nenne ich nicht immer alle Gender. Sofern ich nicht deutlich auf das Geschlecht hinweise, sind immer alle Personen einer Gruppe genannt. Egal, ob männlich, weiblich oder divers.