
Im aktuellen Podcast erzähle ich ein bisschen von meiner Fahrradprüfung in der vierten Klasse. Das war ein großes Ereignis für uns Schüler und ist es auch heute noch. Und natürlich ist das ein wichtiges Thema, denn dabei lernen Kinder, wie sie sich als Radfahrer sicher im Straßenverkehr bewegen. Nichtsdestotrotz hat sich seit meiner Fahrradprüfung in den 90ern doch einiges geändert – und nicht alles davon zum Guten.
Der Podcast dreht sich vor allem um meine Erlebnisse in den 90ern und um die Unterschiede zur heutigen Situation. Dennoch war auch bei mir damals nicht alles so locker, wie im Podcast dargestellt. Denn mit dem Rad zur Schule kommen durften wir in der Grundschule nicht. Auch nicht nach der Fahrradprüfung.
Ich hatte damals den längsten Schulweg. Der war nicht nur steil, er hatte teilweise auch keinen Gehweg. In den ersten beiden Schuljahren habe ich gleich neben der Schule gewohnt, da war der Schulweg noch kein Problem. Erst in der dritten Klasse wurde der Weg nach einem Umzug beschwerlich. Zu Fuß war ich 20 Minuten unterwegs, was für so kurze Beine und mit einem schweren Schulranzen doch ganz schön lang ist. Auf dem Weg nach Hause dann brauchte ich fast eine halbe Stunde, denn es ging bergauf.
Das fanden meine Eltern nicht ganz so toll und kamen auf die Idee, dass ich mit dem Rad zur Schule fahren könnte. Warum auch nicht? Nachmittags war ich auch immer mit dem Fahrrad unterwegs, teilweise sogar, um auf dem Schulhof zu spielen oder zu Freunden zu fahren. Das war dann ein noch weiterer Weg als zur Schule. All das tat ich alleine. Warum also nicht auch mit dem Fahrrad zur Schule?
Mit dem Fahrrad zur Schule? Auf keinen Fall!
Erstaunlicherweise durften wir Grundschüler nicht mit dem Fahrrad zur Schule kommen. Rein rechtlich war das nicht verboten, aber Schüler sind auf dem Schulweg automatisch über die Schule versichert. Wenn etwas passiert, werden die Kosten gedeckt. In der Grundschule war es aber nicht vorgesehen, dass die Schüler mit dem Fahrrad zur Schule fuhren, denn die Fahrradprüfung fand erst in der vierten Klasse, also am Ende der Grundschule statt. Und auch die geistigen und motorischen Fähigkeiten sind bis dahin noch nicht ausreichend entwickelt, um sicher im Straßenverkehr unterwegs zu sein. Deswegen bestand für Grundschüler, die mit dem Fahrrad zur Schule fuhren, kein Versicherungsschutz seitens der Schule. Über die Eltern waren sie aber auch nicht versichert, da es sich um den Schulweg handelte. Es galt, wer die Grundschule im Ort besuchte, der musste dort zu Fuß hingelangen, vielleicht auch mal mit dem Auto gefahren werden. Fahrrad, Roller, Skateboard und Co. waren tabu.
Meine Eltern fanden damals ein Schlupfloch. Sie ließen mich zumindest den Berg, auf dem ich wohnte, mit den Rad fahren. Das stellte ich dann bei einem Klassenkameraden ab und gemeinsam liefen wir den restlichen Weg zur Schule. Dabei galt nur der Weg zu Fuß als Schulweg und der Weg mit dem Rad war quasi ein privater Ausflug zu einem Freund. So war ich dann auf dem ersten Teilstück über meine Eltern versichert und in der zweiten Hälfte über die Schule. Es half sicherlich auch, dass ich ein oder zwei Mal in der Woche bei diesem Freund den Nachmittag – inklusive Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung – verbringen durfte.
Die Fahrradprüfung, die für mich natürlich toll und spaßig und sehr wichtig war, hatte demnach eine viel größere Bedeutung, als mir damals klar war. Sie fand nicht ohne Grund in der vierten Klasse statt. Wir sollten alle in der Lage sein, unser Gleichgewicht zu halten, während wir den Lenker nur mit einer Hand festhielten, gleichzeitig in die Pedale traten und unser Gehirn die Bewegungen der übrigen Verkehrsteilnehmer analysierte. Und erst danach, also in der fünften Klasse, durften wir mit dem Rad zur Schule kommen. Und das war dann nicht mehr bloß den Berg runter, sondern gleich acht Kilometer an einer Landstraße entlang durch eine mehr als unübersichtliche Unterführung, vorbei an alleinstehenden Bauernhöfen mit großen Hunden und eine viel zu steile Brücke hoch und wieder runter. Von 0 auf 100 quasi – dank der Fahrradprüfung, die man automatisch bestand, wenn man teilnahm …
*Damit man diesen Artikel besser lesen kann, nenne ich nicht immer alle Gender. Sofern ich nicht deutlich auf das Geschlecht hinweise, sind immer alle Personen einer Gruppe genannt. Egal, ob männlich, weiblich oder divers.